Heute also wäre er gewesen – euer letzter Schultag. Ihr hättet die Nacht vorher durchgemacht, die Schule und die Turnhalle geschmückt. Wahrscheinlich wäre heute Morgen wieder niemand an den zahlreichen mit Wasser gefüllten Trinkbechern vorbei ins Lehrerzimmer gelangt. Vielleicht wären auch die Kaffeemaschinen wieder aus den Vorbereitungsräumen verschwunden gewesen, um danach in lustigen Spielen von den Lehrern zurückgewonnen werden zu müssen. Sicherlich hättet ihr alle im PKW Anreisenden mit einem Trillerpfeifenkonzert und der obligatorischen Wasserdusche aus mehreren Wasserpistolen empfangen. Parkgebühren wären bestimmt auch angefallen. Wir hätten in viele freudestrahlende Gesichter geblickt, euch in bunten, kreativen Kostümen bewundern können.

Zu Beginn der dritten Stunde hätte der große Einmarsch in die Turnhalle stattgefunden. Ihr hättet euch eure Lehrer geschnappt und sie unter dem Jubel der Menge auf der Tribüne zu ihren Sitzplätzen geführt. Und dann hätte es geheißen– lasset die Spiele beginnen!

Hättet, wäret – Konjunktiv, wohin man auch schaut. Leider hat heute nichts dergleichen stattgefunden. ,,Die Goldenen Zwanziger – Nach uns kommt die Krise“ – das wäre euer Motto gewesen und ist es noch. Wem auch immer dieses Motto eingefallen ist – sie oder er sollte eine Karriere als Hellseher oder Wahrsager in engeren Betracht für eine berufliche Karriere ziehen. Mit einer kleinen Einschränkung – die Krise war schneller als ihr, sie kam euch zuvor.

Niemand konnte auch nur im Ansatz ahnen, was da auf uns alle zukam und noch zukommen wird. Viele Sachen, die wir bis dahin für wichtig gehalten hatten, rückten mit jedem Tag mehr und mehr in den Hintergrund; andere Dinge, die vielleicht schon etwas in Vergessenheit geraten waren, in den Vordergrund.

Ihr seid auf jeden Fall nicht in Vergessenheit geraten! Wir hätten heute gerne mit euch gefeiert. Jetzt bleibt uns nur noch, an euch zu denken. Noch weiß niemand mit Sicherheit zu sagen, wann euer Abitur stattfinden wird, aber es wird stattfinden. Es muss niemand von euch Angst haben, einen schlechteren Abschluss zu haben als die Jahrgänge vor euch. Ganz im Gegenteil! Ihr werdet einen sehr besonderen Abschluss haben, einen, von dem ihr selbst euren Kindern und Enkeln noch erzählen werdet. Damals …

Wir wünschen euch für die kommenden Tage und Wochen trotz allem alles nur erdenklich Gute. Bereitet euch auf die Prüfungen vor, wie ihr es auch unter normalen Umständen getan hättet. Dank der sozialen Netzwerke muss niemand in der Isolation verschwinden. Tauscht euch aus, ermuntert  und helft euch gegenseitig. Auch wir, eure Lehrer, sind für Fragen und Probleme auf den bekannten Kanälen immer ansprechbar. Erinnert ihr euch noch an den Club der toten Dichter? Noch nie war ,,Carpe diem“ wichtiger als heute!

In diesem Sinne – bleibt gesund und kreativ. Seid traurig, dass wir heute nicht zusammen feiern konnten – aber nicht zu lange. Vielleicht lässt sich das mit dem Feiern nachholen. Doch gehört nicht auch das zu den nicht ganz so wichtigen Dingen, die jetzt in den Hintergrund rücken sollten?

Eins ist sicher – ihr werdet die ,,Goldenen Zwanziger“ sein. Keine Krise der Welt wird daran etwas ändern können!

Eure Lehrerinnen und Lehrer